Der Absturz der P-51D Mustang “Scat-Cat”

- ein Flugzeugabsturz am 15. Oktober 1944 in Dorsten -

 

Bericht von Matthias Hundt, unterstützt von Dieter Bergling und Friedrich Stricker.

Der MACR 9502 beischreibt den Einsatz von Major James Briggs Cheney, 376th Fighter Squadron / 361st Fighter Group der USAAF am 15. Oktober 1944. Das Flugzeug von Major Cheney - die P-51D-10-A mit der Seriennummer 44-14219 - wurde während des Angriffs auf Bodenziele von einer Flak getroffen und stürzte kurze Zeit später zwischen Dorsten und Gahlen ab.

Flugzeugprofil der P-51D Mustang von Major Cheney

Die zwei Seiten des gleichen Geschehens: Links der Pilot - rechts der leitende Flaktruppführer

Major James Briggs Cheney, 376th FS / 361st FG, 8th AF, USAAF

Lt. Gräber, Zugführer III. Zug 1./le. Flakabteilung 960 (E.Tr.)

Auf meiner 75.ten Mission (die Fünfte seit dem ich wieder im Einsatz war) griff ich mit meinem Verband Gelegenheitsziele am Boden an. Nachdem wir einen Konvoi beschossen hatten, traf eine verirrte Kugel mein Flugzeug. Mein Flügelmann informierte mich über Funk, das er an meiner Maschine etwas Rauch oder Öl sehen würde. Ich überprüfte sofort meinen Öldruck und bekam ein beklemmendes Gefühl! Die Anzeige pulsierte und ich konnte beobachten, wie sie ganz auf Null ging. Die Temperatur meines Motors stieg rasch an. Ich öffnete die Klappen meines Kühlers, damit mehr kalte Luft durch den Kühler strömen konnte. Nun begann das Triebwerk zu klopfen und machte stampfende Geräusche. Die Temperaturanzeige ging bis zum Anschlag nach oben, bald würde mein Motor in Brand geraten.
Ich musste abspringen. Ich zog bis auf einer Höhe von 2.500 ft um eine Geschwindigkeit auf 120 mph zu verringern. Dann warf ich meine Kanzel ab. Ich stellte mich auf meinen Sitz und sprang über den linken Flügel meiner Maschine ab. Es kam zu keiner Berührung. Nun zählte ich 1-2-3, zog dann an dem "D"-Ring und öffnete meinen Fallschirm.
Plötzlich war alles ruhig. Unter mir hörte ich ein Maschinengewehr schießen, Leuchtspurmunition flog an mir vorbei. Das war typisch, wie die Deutschen gehandelten, wenn sie im Vorteil waren. Ich dachte: "Ich werde hier nicht sitzen und ihnen ein leichtes Ziel bieten." Ich fing an, an meinen Fallschirm Steuerleinen zu ziehen. Zunächst auf der rechten Seite und dann auf der linken Seite, was mich wie ein Pendel unter meinem Fallschirm schwingen ließ. Zumindest gab ich ihnen ein bewegtes Ziel! Der Boden schien mir schnell näher zu kommen. Mein Aufschlag war sehr hart, denn ich hatte nur eine vierundzwanzig ft Fallschirm, mit dem größeren, neunundzwanzig ft Fallschirm hätte ich nicht in das Cockpit der P-51 gepasst.

Buch von James B. Cheney “Under His Wing”, Seite 179 - 180

Am 15. Oktober 1944 machte ich eine Kontrollfahrt mit dem Flaktrupp 0123/0133 auf der Strecke Wanne-Ecikel - Dorsten. Den Flaktruppführer, Uffz. Conzelmann, befahl ich als Richtkanonier an das 23. Geschütz und übernahm selbst die Tätigkeit des Flaktruppführers. Gegen 11.00 Uhr erreichten wir mit dem Personenzug den Bahnhof Dorsten und blieben, da der Flaktrupp am Ende des Zuges eingestellt war, kurz außerhalb des eigentlichen Personenbahnhofs stehen. Etwa um 11.07 Uhr kamen aus Richtung 7 4 Mustangs, die die Bahnanlagen kurz südlich des Bahnhofes in steilem Neigungsflug mit Bordwaffen beschossen. Ich ließ sofort die zuerst fliegende Maschine anrichten, die sich in diesem Augenblick in ca. 2500 m Schrägentfernung befand. Als diese sich bis auf eine Schrägentfernung von 400 m bei einer Flughöhe von ca. 250 m genähert hatte und in einer Linkskurve wegzog, eröffnete ich mit beiden Geschützen das Feuer. Bereits der erste Feuerstoß lag im Rumpf und den Tragflächen der Mustang, die uns, in der Kurve liegend, ihre Unterseite darbot. Es zeigte sich sofort eine dunkle Rauchfahne, während die Maschine im Bogen nach Westen abflog. Die Beschußzeit und Beschußstrecke war sehr kurz, da unser Schußfeld durch das Bahnhofsgebäude und eine Baumgruppe behindert war. Auch eine weitere Beobachtung der abfliegenden, rauchenden Maschine war deshalb und wegen des herrschenden Dunstes nicht möglich. Jedoch sah ich wenige Augenblicke später in Richtung 7 einen herabschwebenden Fallschirm und etwa in Richtung 8 einen schwarzen Qualmpilz hochsteigen. Die restlichen Mustangs waren nach Westen abgedreht, ohne in unseren Schußbereich zu kommen. Sofort nach dem Gefecht begab ich mich zur Absturzstelle, fand jedoch nur weit verstreute, verbrannte Trümmer. Der Pilot war von Angehörigen der Flaktruppe Dorsten bereits festgenommen und weggebracht worden. Geschossen wurde mit Flakvisier ohne EM. Munitionsverbrauch betrug 65 Schuß [eine 2 cm Flak (V.) 45 Schuss sowie eine 2 cm Flak (E.) 20 Schuß]. Das Wetter war dunstig, 6/10 bedeckt. Außer durch unseren Flaktrupp fand keine Abwehr statt. Verluste und Schäden entstanden am Flaktrupp nicht.

Gefechtsbericht des Schießenden vom 15. Oktober 1944

Der Pilot der abgeschossenen Mustang

Weitere Zeugen des Geschehens:

2nd Lt. Claire P. Chennaults, 376th FS / 361st FG, 8th AF, USAAF

Ich flog am 15. Oktober als Flügelmann von Major Cheney auf der Position Yorkshire, weiss 2. Wir patrouillierten in unserem Einsatzraum, bis wir um 10:30 Uhr einen LKW mit Anhänger und zwei Autos beschossen.
Kurz nachdem wir den Rückflug antraten, sah es aus als ob Major Cheney's Flugzeug qualmte. Nach einer genaueren Beobachtung dachte ich, das die Maschine undicht sei und Öl verlieren würde. Major Cheney öffnete die Verschlüsse seines Cockpits und flog noch etwa 5 Minuten, um auf eine größere Höhe zu steigen. Er stieg durch die aufgelockerte Bewölkungen bis etwa 3.900 Fuß um dann in einer Höhe zwischen 1.500 und 2.000 Fuß mit dem Fallschirm abzuspringen. Dieser öffnete sich sofort und er gelangte etwa 10 Meilen östlich von Wesel, Deutschland zu Boden.

Einsatzbericht vom 15. Oktober 1944

Uffz. W. Kröber, 3./Schwere Flakabteilung 445 (o)

Ich bin Angehöriger der obigen Einheit und befand mich am 15.10.1944 - 11.00 Uhr - während der Feuerbereitschaft am Fu.M.G. [Funkmessgerät] der 3./445(o). Mein Gerät suchte in Richtung 6 - 7, wo Motorengeräusche zu hören waren, Maschinen waren nicht zu sehen. Wenige Augenblicke später hörte ich aus Richtung Bahnhof Dosten leichtes Flakfeuer. Plötzlich erschien über der Batterie eine brennende Mustang in niedriger Höhe. Von meinem Standpunkt aus gesehen flog die Maschine noch eine kurze Strecke in Richtung 9 -10. Der Pilot stieg aus und die Maschine stürzte hell brennend senkrecht ab. Der Pilot wurde von Angehörigen der Batterie festgenommen und dem Kommandeur der Flaktruppe Dorsten übergeben.

Augenzeugenbericht, 19. Oktober 1944

K. Müller, Reichsbahngehilfe

Am 15.10.1944 um 11.00 Uhr befand ich mich am Westausgang des Bahnhofsgebäudes Dorsten. Plötzlich beobachtete ich aus Richtung Kirchhellen kommend mehrere einmotorige Maschinen. Eine dieser Maschinen erhielt Flakfeuer durch die auf dem Bahnhof stehenden Geschütze Nr. 0123 und 0133. Nach dem Beschuss beobachtete ich in Richtung Westen die brennende Maschine abstürzen. Wie ich von andrer SEite hörte ist auch der Pilot mit dem Fallschirm in dieser Richtung gesehen worden.

Augenzeugenbericht, 19. Oktober 1944

H. Bergling, Bahnhofswirtschaft

Am 15.10.1944 um 11.00 Uhr wurde im Radio bekannt gegeben: “Feindl. Tiefflieger über dem Warngebiet” Als ich darauf an das Fenster ging, feuerten gerade die am Bahnhof stehenden leichten Flakgeschütze Nr. 0123 und 0133. Daraufhin lief ich auf die andere Seite und sah eine Maschine mit Rauchfahne in Richtung Westen abfliegen. Kurz darauf sah ich in derselben Richtung eine schwarze Rauchfahne hochsteigen und vermutete, daß dort die Maschine abgestürzt ist.

Augenzeugenbericht, 19. Oktober 1944

G. Ufermann, Landwirt

Ich befand mich am 15.10.1944 um 11.00 Uhr auf mein Feld, als ich aus Richtung des Bahnhofes Schüsse hörte. Im nächsten Augenblick sah ich auch eine brennende Maschine in etwa 150 m Höhe über mich hinwegfliegen. Der Pilot stieg aus und die Maschine stürzte unmittelbar neben dem Hof XXXX senkrecht zu Boden. Dort brannte sie restlos aus. Der Pilot wurde von Soldaten festgenommen.

Augenzeugenbericht, 19. Oktober 1944

Stellungnahme des Abteilungskommandeurs der Le. Flakabteilung 960 (E.Tr.)

Gefechtsbericht des Schiessenden und die Aussagen der 4 Augenzeugen ergeben mit Sicherheit, das die am 15.10.1944, 11.07 Uhr 2500 m SW Dorsten neben dem Bauernhof XXXX aufgeschlagene Mustang mit der Maschine identisch ist, die zusammen mit den drei weiteren Mustangs die Bahnanlagen in Dorsten mit Bordwaffen angriffen und von dem Flaktrupp 0123/0133 mit beobachteter Wirkung bekämpft wurde. Weitere Einheiten sind an dem Abschuß dieser Mustang nicht beteiligt.

Stellungnahme, Gef. Stand, den 28. Oktober 1944

Stellungnahme des Regimentskommandeurs des Flakregiments 159 (E.Tr.)

Betr.: Abschussmeldung der 1./le.FA.960 (E.Tr.) am 15.10.1944, 11.07 Uhr, in 05 Ost S, KO6/3
Der unmittelbare nach Beschuss erfolgte Absturz der “Mustang” spricht am deutlichsten für die gute Trefferlage der E.Tr.-Geschütze der 1./le. Flakabteilung 960 (E.Tr.). Da die Angriffsart der Maschine jede etwa vorangegangene Kampfeinwirkung durch andere Luftverteidigungskräfte ausschliesst, bitte ich um Anerkennung des klar erzielten sicheren Abschusses für die 1./le.FA.960 (E.Tr.) - III. Zug.

Stellungnahme, Regt.-Gefechtsstand, den 31. Oktober 1944, Dienststelle L 49762 / Wiesbaden

Die Flugstrecke der P-51 bis zum Absturz

Ende Oktober 1944 wurde ein neunseitiger Bericht der beteiligten Flakeinheit, bestehend aus der Abschußmeldung, dem Gefechtsbericht des Schießenden, 4 Zeugenaussagen, eine Skizze sowie Stellungnahmen des Abteilungs- und es Regimentskommandeurs der Abschußkommission übermittelt. Dort erhielt er einen Eingangsvermerk mit dem Datum 4. November 1944.

Quellen:

Mission Air Crew Report  9502 der USAAF, (fold3.com)
Abschußmeldung Nr. J-2310, (Stricker via Bundesarchiv)
Buch von James B. Cheney “Under His Wing”

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