Me 262-Absturz bei Wolpertshausen


Dieser Bericht dokumentiert die Nachforschungen von Siegfried Neidlein und Matthias Hundt zum Absturz einer Messerschmitt Me 262 bei Wolpertshausen.
Alles begann im Jahr 2014 mit einigen Wrack-Fundstücken, die Siegfried Neidlein in einem Wald nahe Reinsberg (Gemeinde Wolpertshausen) fand. Es handelte sich um eine in der Gemeinde bekannte Absturzstelle eines Flugzeugs aus dem zweiten Weltkrieg. Nähere Angaben zum Absturzzeitpunkt oder Flugzeugtyp waren aber bis dahin unbekannt bzw. in Vergessenheit geraten. Mit Hilfe von Mitgliedern des Luftfahrtforums LBB konnten Fundstücke schnell einer Dornier Do 217 E-4 zugeordnet werden, auch konnte der Absturzzeitpunkt sowie die Absturzursache und der Verbleib der Besatzung abgeklärt werden.
Aus diesem Kontext heraus und dem Erwerb des Buches von Michael S. Koziol „Rüstung, Krieg und Sklaverei“ war das Interesse am Thema geweckt. Herr Koziol hat in seinem Buch u. a. sämtliche Flugzeugverluste im Zusammenhang mit dem Fliegerhorst Schwäbisch Hall - Hessental aufgearbeitet. In der tabellarischen Auflistung von Koziol wurde nach Flugzeugverlusten im Umfeld von Wolpertshausen gesucht. So konnte noch eine weitere Absturzstelle einer Dornier Do 17 E-2 vom 2. Mai 1938 ausfindig gemacht werden und mit eindeutigen Fundstücken belegt werden.
Bei weiteren Recherchen kamen immer wieder Hinweise auf einen nicht näher definierten Flugzeugabsturz im Grimbachtal gegen Ende des zweiten Weltkriegs zu Tage. Näheres war zunächst nicht zu ermitteln. Erst durch Zeitzeugen konnte die vermeintliche Absturzstelle näher eingegrenzt werden. Nach langwieriger Suche konnten erste Wrackteile gefunden werden, die wiederum im LBB-Forum identifiziert und einer Me 262 zugeordnet wurden. Dieser Me 262 Verlust war im Buch von Herrn Koziol ohne Ortsangaben aufgeführt. Nach dem Ausschlussverfahren blieb nur noch der Absturz von Flugzeugführer Alexander Reimer übrig. Wobei das dort aufgeführte Datum nicht identisch mit anderen Aufzeichnungen war.
Im Laufe der Jahre, nach unzähligen Gesprächen und schriftlichen Kontakten läßt sich vorerst ein abschließendes Bild zeichnen. Obwohl viele Fakten zum Tod von Ofw. Reimer zusammen getragen werden konnten, blieben bis heute einige Fragen unbeantwortet. So gilt z. B. das Flugbuch von Ofw. Reimer bis heute als verschollen.

Der Anstoß zu dieser Dokumentation begann durch den Fund einiger kleiner Metallteile bei Wolpershausen. Die ersten Teile deuteten auf Grund des Materials lediglich auf den Absturz bzw. das Wrack eines Flugzeugs hin. Im Laufe der Zeit setzte sich aus den vielen kleinen Teilen ein Bild zusammen.
Nebenher begann die Recherche vor Ort. Dies umfasste die Suche in den Archiven der örtlichen Verwaltung und der Kirchengemeinde, sowie bei den Heimatvereinen der Umgebung. Die Befragung von Zeitzeugen fügten der Geschichte weitere Details hinzu.
Im nun folgenden Text wird die Recherche einzeln erläutert und die Ergebnisse Stück für Stück dargestellt.

 

Der Werdegang von Ofw. Reimer

    Ofw. Alexander Richard Reimer wurde am 04.02.1911 als erstes von zwei Kindern in Rixdorf (Berlin) geboren. Am 18.11.1942 heiratete er seine Frau Ursula Pichhardt (*19.07.1922) und am 26.06.1943 wurde der gemeinsame Sohn Gerd im Kreiskrankenhaus Hagenow geboren. Im Aufgebot steht als Beruf: Technischer Kaufmann und Oberfeldwebel d. L.

    Ab 1938 war Reimer in Bad Zwischenahn gemeldet. Da zu dieser Zeit bereits ein Fliegerhorst in Zwischenahn-Rostrup existierte, ist anzunehmen, daß Reimer auf dem dortigen Horst bei der Luftwaffe stationiert war.
    Zum Zeitpunkt der Hochzeit muss Reimer auf dem Fliegerhorst Hagenow gewesen sein. Dort hat seine Frau gearbeitet. In der Heiratserlaubnis steht die Feldpost-Nr. L35369. Er könnte daher bei der II./KG z.b.V. 323 gewesen sein.
    Anfang Oktober 1944 wurde Reimer zusammen mit Heinrich (Heinz) Wieth nach Wenzendorf bei Blohm & Voss kommandiert. Das Werk hatte den Auftrag, die einsitzige Messerschmitt Me 262 A-1 in die zweisitzige Schulausführung Me 262 B-1a umzubauen. Zwei Tage später wurde das Werk bei einem Bombenangriff schwer getroffen. Ab dem 27. Oktober 1944 war Reimer nach Schwäbisch Hall zur Fa. Messerschmitt (dort unter dem Decknamen "Autobedarf Schwäbisch Hall") versetzt. Dort war er in den Einflugbetrieb eingebunden.
    Vom Flugplatz Schwäbisch Hall startete Reimer am 2. Dezember 1944 zu seinem letzten Flug, bei dem er durch Absturz den Tod fand. Er wurde am 4. Dezember 1944 auf dem Friedhof der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Hagenow, Mecklenburg-Vorpommern bestattet. Das Grab wurde in den 1990er Jahren abgeräumt.

 

Das Waldwerk auf dem Hasenbühl

    Das Waldwerk wurde im Zuge der Dezentralisierung der Flugzeugproduktion im Hasenbühl bei Hessental 1944 errichtet. Eine zunehmende Störung der Flugzeugproduktion durch Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Flugzeugwerke zwang zu verschiedenen Verlagerungsmaßnahmen. Zum Einen wurde die Produktion von Einzelteilen und Baugruppen auf viele, kleine Unternehmen verteilt. Zum Anderen wurde die Endmontage der Baugruppen auf dezentrale, getarnte Orte verlegt.
    Ein Merkmal der dezentralen Montagestätten war, dass diese zum Start der neuen Düsenflugzeuge eine lange, gerade Betonpiste benötigten. Aus diesem Grund waren viele dieser Montagestätten in der Nähe von Fliegerhorsten mit eben diesen Startbahnen errichtet worden. Weitere Montagestätten befanden sich in der Nachbarschaft von Autobahnabschnitten, die vergleichbare Gegebenheiten boten.

    Der Aufbau des Waldwerks begann ab Mai 1944 unter der Tarnbezeichnung "Autobedarf Schwäbisch Hall" und war bereits im Juli 1944 weitestgehend abgeschlossen. Der Forst auf dem Hasenbühl wurde als Standort gewählt, weil er eine gute Deckung durch den hohen Baumbestand gegen die feindliche Luft-aufklärung bot. Zudem lag der Montageort nur ca. 2 km ost-süd-ost vom Fliegerhorst Schwäbisch Hall - Hessental entfernt. Somit bestand ein akzeptables Maß zwischen der sicheren Entfernung zum durch Luftangriffe gefährdeten Fliegerhorst, im Verhältnis zur Schleppzeit der neu montierten Flugzeuge.
    Während die ersten, aus angelieferten Komponenten montierten Me 262, noch direkt auf dem Fliegerhorst fertig gestellt wurden, geschah dies ab Juli 1944 im Waldwerk auf dem Hasenbühl. Die einzelnen Baugruppen und Einzelteile wurden per Bahn- und LKW-Transport angeliefert.

    Die letzten Messerschmitt Me 262 "Deckname Silber" wurden am 30. März 1945 vom Fliegerhorst Schwäbisch Hall ausgeflogen.

    Zu den dort tätigen Arbeitskräften zählte neben wenigem Fachpersonal der Firma Messerschmitt, einfaches Hilfspersonal sowie in größerer Zahl auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Deren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu beschreiben, würden einen eigenen Bericht füllen.

 

Der Flugplatz Schwäbisch Hall – Hessental

    Der Fliegerhorst wurde in den Jahren 1934 bis 1936 gebaut. Der Platz war, neben der üblichen Bebauung mit Unterkunfts- und Wartungsgebäuden, einer Kommandantur und Flugleitung, der Flughafenfeuerwehr, mit 6 großen Flugzeughallen versehen. Das Flugfeld war mit einer befestigten Grasnarbe ausgestattet, an deren Rand Depots für Munition und Flugzeugkraftstoff angelegt waren.

    Die ersten fliegenden Verbände wurden ab 1936 stationiert. In den folgenden Jahren belegten zunehmend schwerere und größere Flugzeuge, wie z.B. He 177 und Fw 200, den Platz. Da das Grasflugfeld nicht den neuen Anforderungen entsprach, wurde von Februar bis Juni 1943 eine 1800 m lange, befestigte Startbahn gebaut.
    Somit konnte der Fliegerhorst später von der Luftwaffe als "Silberplatz" klassifiziert werden. Der Einsatz der neuen turbinengetriebenen Flugzeuge verlangte nach längeren und befestigten Startbahnen.

    Im Mai 1944 wurden die ersten Messerschmitt Me 262 auf dem Fliegerhorst Schwäbisch Hall - Hessental zusammen gebaut. Der erste Flug eines turbinengetriebenen Flugzeugs von Hessental aus, fand am 24.05.1944 mit der Me 262, Werknummer 130166 statt.

    Für Ofw. Reimer war dieser Fliegerhorst die letzte Wirkungsstätte seines Lebens. Reimer war nun als Pilot im Einflugbetrieb tätig.

    Nachdem die im Waldwerk montierten Messerschmitt Me 262 A-1 mit Hilfe von Zugmaschinen zum Fliegerhorst geschleppt waren, wurde zusätzliche Ausrüstung verbaut, weitere Kontrollen, sowie nötigenfalls Korrekturen durchgeführt. Anschließend starteten die Piloten zum ersten Einflug der neuen Maschinen.

 

Die Werknummer 110568

    Muster:  Messerschmitt Me 262 A-1
    Werknummer:  110568
    Stammkennzeichen:  NN-HR
    Werknummernblock:  110551 – 110576
    NN+HA – NN+HZ
    Endmontage:  Waldwerk Schwäbisch Hall – Hessental (Hasenbühl)
    Ort d. Erstflugs:  Flugplatz Schwäbisch Hall
    Datum d. Erstflugs:  unbekannt. (es sind bisher keine weiteren Flüge der Wn. bekannt)

 

Die Einfliegerei in Schwäbisch Hall

    Im Mai 1944 begannen die ersten Montagearbeiten an einer Me 262 auf dem Fliegerhorst Schwäbisch Hall. Nach der Fertigstellung der Werknummer 130166 am 22.5. erfolgte deren Erstflug am 24.5.1944. Das Flugzeug gilt als erste in Schwäbisch Hall montierte Me 262.
    Weitere Flugzeuge wurden auf dem Fliegerhorst aus angelieferten Komponenten montiert und eingeflogen. Zu diesem Zeitpunkt war das Waldwerk im Hasenbühl noch nicht errichtet.

    Die Einfliegerei wurde durch Hilmar Stumm geleitet, Leiter der Endmontage war Ludwig Eder. Zudem war Leopold Knopf  in der Endkontrolle tätig. Die im Einflugbetrieb tätigen Piloten wurden vom Chefpiloten und Flugbetriebsleiter Hans Wagner geführt. Dienstlich unterstanden die nun für Messerschmitt im Industieeinsatz fliegenden Piloten dem Sd.Kdo. Ob.d.L (Sonderkommando Oberbefehlshaber der Luftwaffe).

    Durch Flugbucheinträge lassen sich einige Flüge von in Schwäbisch Hall tätigen Piloten aufzeigen:

      Pilot Olt. Paul Birnkraut, 16.12.1944 – 22.02.1945
      Pilot Uffz. Sepp Gerstmayr, 22.09.1944 – 03.11.1944
      Pilot Fw. Eberhard Gzik, 27.12.1944 – 03.01.1945
      Pilot Lt. Helmut Hetz, 04.01.1945 – 20.01.1945
      Pilot Ofw. Otto Kaiser, 28.10.1944 – 01.11.1944

    Weitere Piloten waren (unvollständig):
    Uffz. Heinz Orgelheide, von Juli bis Dezember 1944 nachweisbar.
    Uffz. Helmut Born, am 13.01.1945 während eines Überführungsfluges mit der Me 262 Werknummer 110916 von Schwäbisch Hall durch Absturz bei Neuburg/Donau gefallen.
    Ofw. Rudolf Göpfert, am 14.10.1944 während des Überführungsfluges mit der Me 262 Werknummer 111413 von Schwäbisch Hall durch Absturz bei Crailsheim gefallen (sein Fallschirm öffnete sich nicht).
    Ofw. Alexander Reimer, am 2.12.1944 während des Werkflugs mit der Me 262 Werknummer 110568 von Schwäbisch Hall durch Absturz bei Wolpertshausen gefallen (Turbinenbrand).
    Lt. Wolfgang Millaz, am 25.11.1944 während des Landeanflugs mit der Me 262 durch Absturz gefallen (abschmieren in der Landekurve).
    Pilot Koch, gefallen.

 

Der letzte Flug von Ofw. Reimer

    Detaillierte Angaben zum Absturz von Ofw. Reimer lagen bisher nicht vor, auch sein Flugbuch gilt als verschollen. Sachdienliche Auskünfte waren lediglich von der Wehrmachtauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene (WASt.) sowie der Kirchengemeinde Hagenow zu erhalten. Letztlich ließ sich durch Herr Neidlein noch die genaue Absturzstelle bestimmen.

    WASt.

    2.12.1944, Sd.Kdo.Ob.d.L./Messerschmitt-SHA,
    Ofw. Alexander Reimer +
    (*4.2.1911, in Rixdorf), EGL: Hagenow/MV, Einzelgrab
    Flugzeug: Me 262 A-1a, 110568, St.Kz. NN+HR, 100% Bruch
    Absturz beim Einfliegen infolge TL-Brand um 16:10 Uhr, in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes.

    Kirchengemeinde Hagenow

    Auszug aus dem Begräbnisregister der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Hagenow / Wehrmachtsgemeinde

    Jahrgang  1944         Seite  5         Nr.  14

    Verstorbener: Reimer, Alexander

    Wohnort:   z.Z. Stuttgart
    Beruf:   Oberfeldwebel der Luftwaffe
    Todesursache:   Flugzeugunfall

    Geburtstag (Alter):   4.11.1911
    Geburtsort:   Berlin

    Sterbetag:   2.12.1944
    Sterbeort:   Stuttgart
    Begräbnistag:   7.12.1944, Urnenbeisetzung

    Begräbnis: Kirchhof Hagenow
    Geistlicher: Sadler

 

Fundteile


    Anfänglich waren es typische Bodenfunde mit Fertigungsnummern, die auf ein deutsches Fabrikat hinwiesen. Später kamen an der Fundstelle zwischen Grimmbach und der Autobahn spezielle Bauteile zum Vorschein, die nur bei wenigen Flugzeugen Verwendung fanden. Letztlich waren es Bruchstücke des Junkers Jumo 004 Triebwerks, der Tankanlage sowie einer Panzerplatte, die nur noch einen Schluss zuließen: Den Absturz einer Messerschmitt Me 262.
    Nach der ersten Begutachtung wurden die Fundstücke sorgfältig gereinigt und fotografisch dokumentiert. Anschließend begann der Vergleich mit Ersatzteillisten, Zeichnungen und Fotografien. Hier halfen besonders Detailaufnahmen der noch vorhandenen Museumsexponate in Südafrika, Großbritannien und Deutschland. In den meisten Fällen erfolgte im Anschluss, mit Hilfe der originalen Ersatzteillisten der Me 262, eine genaue numerische Zuordnung der Fundstücke.

 

 

Fazit

    Die Nachforschungen von Siegfried Neidlein belegen den genauen Absturzort der Messerschmitt Me 262A-1, Werknummer 110568.

    Bereits in den 1980igern analysierte Michael S. Koziol für sein Buch „Rüstung, Krieg und Sklaverei“ sämtliche Flugzeugverluste, die im Zusammenhang mit dem Fliegerhorst Schwäbisch Hall - Hessental standen. Dies war bis zum jetzigen Zeitpunkt die weitreichendste Dokumentation dieses Absturzes.

    Die von Herr Neidlein durchgeführten Zeitzeugenbefragungen ergaben Hinweise auf einen Flugzeugabsturz im Grimbachtal, welcher im zeitlichen Rahmen mit dem Verlust der Me 262A-1, Werknummer 110568 passte. Durch seine Recherche lokalisierte Herr Neidlein schließlich die exakte Absturzstelle, welche durch zahlreiche Wrackteile des Flugzeugmusters Messerschmitt Me 262 belegt wurde.

Der komplette Bericht kann als PDF-Dokument unter folgenden Link betrachtet werden: PDF-Datei

 

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